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Kollegiale Beratung

Die Methode

© 2002-2017 | Dr. Kim-Oliver Tietze, Hamburg |

 

 


Kollegiale Beratung ist ein systematisches Beratungsgespräch, in dem Kollegen (etwa Führungskräfte oder Projektleiter) sich nach einer vorgegebenen Gesprächsstruktur wechselseitig zu beruflichen Fragen und Schlüsselthemen beraten und gemeinsam Lösungen entwickeln.

Kollegiale Beratung findet in Gruppen von 6 bis 9 Mitgliedern statt, die im regelmäßigen Abstand zusammen kommen. Teilnehmer tragen dabei ihre Praxisfragen, Probleme und "Fälle" vor.

Drei Beispiele für Praxisfragen und Fälle:

  • "Einer meiner Mitarbeiter lässt in letzter Zeit deutlich in seiner Leistung nach. Wie kann ich mit ihm darüber ins Gespräch kommen?"
  • "Ich stehe als Projektleiter am Anfang eines neuen Projektes. Wie kann ich den Auftakt so gestalten, dass sich alle wirklich engagieren?"
  • "Ich habe einen neuen Mitarbeiter bekommen. Er tut sich schwer, sich ins Team zu integrieren und steht abseits. Was kann ich tun, damit er vom Team akzeptiert wird?"

Nach einem festen Ablauf mit 6 Phasen leitet ein anderer Teilnehmer als Moderator die Gruppe durch das Beratungsgespräch und aktiviert dabei die Erfahrungen und Ideen der übrigen Teilnehmer. Unter Anleitung des Moderators beraten somit alle Teilnehmer den Fall und suchen nach Anregungen und Lösungsideen, die den Fallerzähler weiterbringen sollen.

Alle Rollen der kollegialen Beratung wechseln je Fallberatung, es gibt keine festen Rollenverteilungen unter den Teilnehmern. Es gibt keinen Berater oder Experten von außen, der in die Gruppe kommt. Das macht das Kollegiale an der kollegialen Beratung aus.

Ein Durchgang dauert etwa eine dreiviertel bis ganze Stunde, sodass in drei Stunden zwei bis drei Fälle bearbeitet werden können. In vielen Unternehmen werden regelmäßige Kompakttage zur kollegialen Beratung angeboten. Zur Einführung in die kollegiale Beratung wird ein Einführungsseminar empfohlen.

Die 6 Phasen der kollegialen Beratung

Das Beratungsgespräch in der Gruppe folgt einer festen Abfolge von Phasen, in denen die Beteiligten in ihren jeweiligen Rollen verschiedene Aufgaben erfüllen:

Mit einem Mausklick auf die Begriffe erfahren Sie mehr über die einzelnen Phasen.

Diese Konzeption der kollegialen Beratung kennzeichnet ein modularer Aufbau. Mit der Möglichkeit der Methodenwahl kann die kollegiale Beratung auf die Erkenntnisinteressen und Bedürfnisse des Fallgebers, die Vorlieben der Gruppe, die Besonderheiten des Falles sowie der Schlüsselfrage eingehen. Das hat den Vorteil, dass Beratungsgruppen einerseits die Sicherheit einer wiederkehrenden Struktur haben. Attraktiv ist andererseits, dass kollegiale Beratung durch verschiedene Beratungsmodule an Lebendigkeit und Abwechslung gewinnt.

Anwendungsfelder und Zielgruppen der kollegialen Beratung

Die Berufsgruppen und Zielgruppen, bei denen die Reflexion beruflicher Fälle mit Hilfe kollegialer Beratung sinnvoll und zieldienlich ist, sind sehr vielfältig. Kollegiale Beratung wird vor allem dort praktiziert, wo Kommunikation und Kooperation mit Mitarbeitenden, Kunden und Klienten zentrale professionelle Aufgaben bilden.

Kollegiale Beratung ist sehr geeignet für Berufstätige, deren beruflicher Alltag regelmäßig geprägt von Situationen ist, die sich durch problematisch erlebte Begegnungen und Interaktionen, Entscheidungsdilemmata, Zielwidersprüche und Rollenkonflikte auszeichnen. Solche Situationen erfordern sorgsames Überlegen und durchdachtes Handeln. Das strukturierte und mehrperspektivische Beratungsvorgehen bei kollegialer Beratung steigert die Qualität dieser Reflexionen und ihrer Ergebnisse.

Kollegiale Beratung als erprobten Ansatz zur gezielten, systematischen und ergebnisorientierten Reflexion beruflichen Handelns haben wir bisher erfolgreich in folgenden Zielgruppen eingeführt, vermittelt oder vertieft:

§  In Unternehmen: Teamleiter, Abteilungsleiter, Vertriebskräfte, Projektleiter, Nachwuchsführungskräfte, Personalentwickler, IT-Mitarbeiter, Inhouse-Consultants

§  In Hochschulen: Studienbetreuer, Career-Center-Mitarbeitende, Promovenden, Lehrende, Mitarbeitende von Arbeits- und Forschungsgruppen, Hochschulleitungen (hochschulübergreifend)

§  In Nonprofit-Organisationen: LehrerInnen aller Schularten, Schulleiter, Beratungslehrer, Schulsozialarbeiter, Mitarbeitende der Geflüchtetenhilfe, Gesetzliche Betreuer, Kinder-, Jugend- und Familienhilfe, Notfallseelsorger

§  In Behörden: Amtsleiter, Bereichsleiter, Teamleiter, Mitarbeitende des Allgemeinen Sozialen Dienste (Jugendamt), Soziale Dienste (Bewährungshilfe), Opferschutzbeauftragte (Polizei)

§  Im Gesundheitsbereich: Pflegekräfte, Pflegedienst- und Einsatzleitungen, ErgotherapeutInnen, PhysiotherapeutInnen, LogopädInnen

§  Freiberuflich Tätige: Mediatoren, Rechtsanwälte, Coaches und Supervisoren

Beispiel Qualifizierung für Führungskräfte und Projektleiter

Führungskräfte und Projektleiter haben in ihrer Führungsrolle stets neue und wechselnde Situationen zu bewältigen, die teils von widersprüchlichen Anforderungen gekennzeichnet sind. Kollegiale Beratung bietet die Möglichkeit, dass sich Führungskräfte verschiedener Abtleilungen eines Unternehmens in regelmäßigem Abstand zusammenfinden, um mit Hilfe kollegialer Beratung schwierig erlebte Situationen der Führungspraxis zu reflektieren und gemeinsam Lösungen zu entwickeln.

Beispiel Qualitätssicherung in sozialen/pädagogischen Berufen

Kollegiale Beratung kann als Alternative oder Ergänzung zu angeleiteter Fallsupervision mit einem externen Supervisor ein wichtiges regelmäßiges Instrument zur Sicherung der Arbeitsqualität sein, indem schwierige Situationen und Fälle im Kollegenkreis strukturiert und fachkundig reflektiert und passende Handlungsmöglichkeiten entwickelt werden.

Argumente für kollegiale Beratung

Kollegiale Beratung ist eine inspirierende, komplexe und zugleich einfache Maßnahme zur berufsbezogenen Qualifizierung, zur praxisbezogenen Personalentwicklung und zur Qualitätssicherung beruflichen Handelns für eine Vielzahl an Berufsgruppen. Sie ist gekennzeichnet durch eine systematische Kombination aus strukturierter Reflexion und gezielter Lösungs- bzw. Ergebnisorientierung.

Die bisherige wissenschaftliche Forschung zu kollegialer Beratung konnte einige personenbezogene Wirkungen einer längerfristigen Teilnahme an kollegialer Beratung empirisch belegen (Tietze, 2010):

Kollegiale Beratung trägt dazu bei, schwierige berufliche Probleme (Fälle) zu lösen

  • Kollegial Beratene (Fallerzähler) können durch die gemeinsame Reflexion und Lösungssuche passende neue und zieldienlichere Handlungs- und Sichtweisen sowie Haltungen für schwierige berufliche Situationen entwickeln.
  • Alle Beteiligten lernen stellvertretend für die eigene berufliche Praxis, indem sie in den Beratungsprozessen von Fällen und von verschiedenen Lösungsansätzen der Teilnehmenden erfahren.

Kollegiale Beratung trägt dazu bei, relevante berufliche Kompetenzen zu entwickeln

  • Indem vorgestellte und eingebrachte Fallsituationen systematisch reflektiert werden und verschiedene Lösungen entwickelt werden, verbessert sich der kompetente Umgang mit schwierigen beruflichen Situationen - ein Beitrag zur Professionalisierung.
  • Im Zuge der aktiven Beteiligung an kollegialer Beratung werden beraterische und kommunikative Kompetenzen praktiziert und gefördert.
  • Die Praxis einer systematischen Methodik zur Problemlösung von beruflichen Fällen übt allgemeine Kompetenzen zur Problemlösung.

Kollegiale Beratung trägt dazu bei, berufliche Beanspruchung zu vermindern

  • Kollegiale Beratung trägt zur psychischen Entlastung bei, da berufliche Fälle, die kollegial beraten werden, häufig zuvor mit erheblichem Beanspruchungserleben (Stress, kreisende Gedanken) einhergehen.
  • Bereits im Lauf des Beratungsprozesses stellen sich häufig klärende und erleichternde Einsichten und Momente ein, vor allem am Ende einer kollegialen Beratung überwiegt oftmals eine neue Zuversicht.
  • Einer kollegialen Beratungsgruppe anzugehören, die als anteilnehmend, unterstützend und wohlwollend erfahren wird, fördert das Erleben, bei schwierigen beruflichen Situationen auf kollegialen Rückhalt vertrauen zu können.

Kollegiale Beratung fördert die Reflexion des eigenen beruflichen Handelns und trägt somit dazu bei, die Qualität der Arbeit zu sichern und zu verbessern. In und mit kollegialer Beratung wird ein Austausch über die Arbeitsbereiche ermöglicht und darüber hinaus auch der Zusammenhalt der Beteiligten gefördert. Die Beteiligung an bereichs- und abteilungsübergreifender kollegialer Beratung ermöglicht den Ausbau und die Vertiefung des eigenen beruflichen Netzwerks.

Durch neue, passende Ideen für die berufliche Praxis und zieldienliche Perspektiven für bisher eingefahrene Handlungsmuster entsteht die Möglichkeit, einen verbesserten Umgang mit Kunden, Klienten und Mitarbeitenden zu erreichen.

Attraktiv für Organisationen, in denen kollegiale Beratung praktiziert wird, ist, dass das Instrument zu einer Steigerung der Qualität der Arbeit, zu qualifizierteren Mitarbeitenden und in der Folge zu besseren Arbeitsleistungen führen kann. Sie stellt eine (vergleichsweise) kostengünstige Form der Personalentwicklung dar und hilft zugleich, eine besondere Kultur der wechselseitigen Unterstützung zu entwickeln.

Literatur

Tietze, K.-O. (2010). Wirkprozesse und personenbezogene Wirkungen von kollegialer Beratung. Theoretische Entwürfe und empirische Forschung. Wiesbaden: VS-Verlag.

Kollegiale Beratung erlernen

Kollegiale Beratung hochwertig und erfolgreich zu praktizieren erfordert einige methodische Kompetenzen aufseiten der Teilnehmenden. Alle Mitglieder einer kollegialen Beratungsgruppe sollten die Grundstruktur und die Methodenbausteine von kollegialer Beratung kennen. Sie sollten geübt darin sein, kollegiale Beratung zu praktizieren und bereit sowie in der Lage sein, jede der Rollen auszufüllen, auch die der Moderation.

Für gelingende kollegiale Beratung ist es förderlich, wenn eine Gruppe, die kollegiale Beratung praktizieren will, die Methodik gemeinsam erlernt und einübt. Die Kompetenz zu kollegialer Beratung setzt sich zusammen aus den methodischen Kompetenzen der einzelnen Teilnehmenden und der gemeinsamen Gruppenkompetenz, die sich infolge reflektierter Übung von kollegialer Beratung ausbildet.

Je nach Vorerfahrungen und bereits vorhandenen Kompetenzen der Gruppenmitglieder ist es erforderlich, bestimmte Qualifikationen zu kollegialer Beratung gezielt zu erwerben und zu entwickeln:

  • Kenntnisse von Ablaufstruktur und Methoden der kollegialen Beratung
  • Verständnis davon, welche Arten von Fällen sich für kollegiale Beratung eignen
  • Gesprächsführungskompetenzen: aktives Zuhören, stützendes und erkundendes Fragen, Methoden zur Gruppenleitung und zur Moderation
  • Beratungshaltung und Beratungstechniken: lösungsorientierte Beratung, konstruktive Fragen, lösungsförderliche Hypothesen
  • reflektierte Erfahrung in allen Rollen der kollegialen Beratung (Fallerzähler, Berater, Moderator)
  • Erfahrungen als Gruppe, kollegiale Beratung zu praktizieren

Um diese individuellen und gemeinsamen Kompetenzen auszubilden, empfiehlt sich eine gezielte Schulung zu kollegialer Beratung.

Wer darüber hinaus kollegiale Beratung in der Rolle als Multiplikator an eine Zielgruppe vermitteln will, braucht zunächst einige eigenen Erfahrungen mit der Methodik sowie vertiefte Kenntnisse zu kollegialer Beratung. Eine Multiplikatorenschulung baut deshalb auf den Inhalten einer Einführungssschulung auf und kann diese nicht ersetzen.

Kollegiale Beratung / Team Teaching

Im SoSe 13 begleitete ich Prof. Tobias Braun und Frank Thiel wöchentlich durch alle Veranstaltungen von CPM und coachte sie bzgl. didaktischer Verfeinerungen in ihrer Lehre / ihren Vorlesungen.
Tobias Braun (tobias.braun(at)hwr-berlin.de) schrieb mir folgende Referenz:


Aktualisiert: 16.03.2017