Dr. Hänel im Untersuchungsfeld
Sabine Hänel
Sabine Hänel erforscht den Einfluss von Vegetationseigenschaften auf das Mikroklima.
Created by Forschungskommunikation |

„Wer im Bereich Biodiversität forscht, sollte alle Arten wertschätzen“

Am 22. Mai findet der „Internationale Tag der biologischen Vielfalt“ statt. Dr. Sabine Hänel, Biodiversitäts-Forscherin und Postdoc an der HTW Dresden, gibt Einblick in ihre Arbeit und stellt aktuelle Erkenntnisse aus ihrer Forschung vor.

Seit dem Jahr 2000 wird der 22. Mai als „Internationaler Tag der biologischen Vielfalt“ gefeiert. Er erinnert an den 22. Mai 1992, an dem in Nairobi Einigkeit über den Text des UN-Übereinkommens über biologische Vielfalt erzielt wurde. Diese Biodiversitäts-Konvention (Convention of biological diversity – CBD) ist mit über 196 Vertragspartnern eines der erfolgreichsten Übereinkommen der Vereinten Nationen. Hauptanliegen der Konvention ist der Schutz der biologischen Vielfalt der Ökosysteme, der Arten bzw. Populationen und deren genetische Differenzierung sowie ihrer Ressourcen.

Auch an der HTW Dresden wird im Bereich der Biodiversität geforscht. Biodiversität braucht Lebensräume, die stabile klimatische Verhältnisse innerhalb der physiologischen Spanne ihrer Bewohner bieten müssen. Dr. Sabine Hänel, Postdoc an der Fakultät Landbau/Umwelt/Chemie, untersucht zusammen mit Kollegen der TU Dresden den Einfluss von Vegetationseigenschaften auf das Mikroklima. Im DFG-geförderten Projekt „Abiotischer Stress beeinflusst das Mikroklima durch Veränderung von Vegetationseigenschaften“ betrachtet das Forschungsteam wie die Zusammensetzung von Gräsern und Kräutern in einer Wiese die Temperatur und Luftfeuchtigkeit innerhalb der Vegetationsschicht beeinflussen. So können unterschiedliche morphologische Eigenschaften, wie zum Beispiel die Größe der Blätter, die Verdunstung des Bodenwassers begünstigen oder mindern. Gleichzeitig untersucht das Team, inwiefern ausgewählte Pflanzenarten Stressfaktoren, beispielsweise Hitze und Trockenheit, durch arteneigene Eigenschaften ausgleichen.

Seit dem Start der Untersuchungen vor einem Jahr konnte das Forschungsteam viele Daten und Erkenntnisse sammeln. Dr. Sabine Hänel erzählt wie ihr Forschungsalltag aussieht und welche Besonderheiten die Biodiversitätsforschung mit sich bringt.

Frau Hänel, was interessiert Sie bei Ihrer Forschung ganz besonders?

"Spannend finde ich inwieweit zum Beispiel eine Wiese ihren Bewohnern tatsächlich Schutz und stabile Verhältnisse bieten kann. Welche Eigenschaften der Wiese tragen dazu bei, dass hohe, aber auch tiefe Temperaturen abgemildert werden? Welche Mechanismen hat die Vegetation um ihr eigenes Mikroklima zu modifizieren?

Ich würde auch gern wissen, welche Rolle die Größe der Wiese spielt und welchen Beitrag zum Beispiel die Moosschicht in der Wiese hat. Für urbane Grünflächen, die eher kleinflächig sind, wäre das Wissen um Pufferwirkung/Stabilität in Zusammenhang mit bestimmten strukturellen Eigenschaften sehr wichtig, um auch bei Trockenperioden noch Habitat für möglichst viele Arten zu sein."

Welche Erkenntnisse konnten Sie bisher im Projekt sammeln?

"Leider folgte - nach den vorangegangenen, sehr trockenen 12 Jahren - im letzten Jahr ein recht nasses Jahr. Trotzdem bestätigen die erhobenen Daten, dass auch eine vergleichsweise sanfte Topografie in Kombination mit unterschiedlich ausgeprägter Grünland-Vegetation im Osterzgebirge zu erheblichen Unterschieden im Mikroklima beiträgt. So kann der Unterschied der Lufttemperatur innerhalb der Vegetation an einem heißen Tag aufgrund von unterschiedlicher Topografie und Vegetationszusammensetzung bei über 9 Grad liegen. Das hat enorme Auswirkungen auf Stoffwechselprozesse und Ressourcenbedarf von Lebewesen und spielt damit nicht nur für die Pflanzen sondern auch die Tiere und Pilze in diesem Lebensraum eine wichtige Rolle. Wir sind damit einen Schritt weiter zu erkennen, inwiefern Vegetationstypen unter Stressbedingungen in der Lage sind das Mikroklima zu ändern und zu stabilisieren."

Wie sieht ein typischer Tag für Sie aus?

"Entgegen der allgemeinen Annahme, dass ich als Biodiversitätsforscherin viel im Gelände unterwegs bin, koordiniere und plane ich viel vom Schreibtisch aus. Ich bin meistens damit beschäftigt, alle Aktivitäten miteinander in Einklang zu bringen, Pläne für bestimmte Messungen und Versuche zu entwerfen und diese mit allen Beteiligten abzustimmen. Sobald erste Daten vorhanden sind, evaluiere ich diese, passe die Methode bei Bedarf an. Ich verbringe viel Zeit mit Datenerhebungen für die verschiedenen Projekte. Im Gelände bin ich vor allem dann, wenn wichtige Entscheidungen getroffen werden müssen: Wohin kommen die Plots, wie genau wird was gemessen oder beprobt."

Welche Fähigkeiten sind Ihrer Meinung nach also wichtig um den Forschungsalltag zu meistern?

"Zielorientierung und Flexibilität unter Zeitdruck: Ich brauche vor allem einen guten Durchblick, um im Wust der Möglichkeiten nicht die konkreten Ziele aus den Augen zu verlieren. Besonders wenn ich draußen unterwegs bin und eine bestimmte am Schreibtisch erdachte Methode nicht gut im Feld funktioniert, muss ich schnell entscheiden und anpassen, um möglichst keine Zeit zu verlieren. Dadurch ergeben sich ständig neue methodische Ansätze. Hier das große Ganze zu fokussieren, ist nicht immer leicht.

Und ganz wichtig: In der Forschung zu Artenvielfalt geht es um die Wertschätzung aller Arten. Wer Spinnen eklig findet, wird sie wohl nicht mitberücksichtigen, wenn ein Habitat aufgewertet wird. Wer im Naturschutz nur Orchideen zählt, übersieht all die Gräser und Kräuter, die vielleicht noch viel stärkere Rückgänge verzeichnen und die Aufmerksamkeit viel nötiger hätten. Am Ende können wir nur schützen, was wir kennen und wofür wir eine Datengrundlage haben."

Sabine Hänel forscht zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen noch bis 2024 im Projekt „Abiotischer Stress beeinflusst das Mikroklima durch Veränderung von Vegetationseigenschaften“. Das Forschungsprojekt könnte damit einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung nachhaltiger und effizienter Pflegemaßnahmen zur Erhaltung der Artenvielfalt in den Bereichen Forst- und Landwirtschaft leisten.

 

Created by Forschungskommunikation |

Contact

Dr. rer. nat. Sabine Hänel

Dr. rer. nat. Sabine Hänel