
Wasserstoff braucht nicht nur Forschung, sondern den Weg in die Praxis
Interview mit Professor Gennadi Zikoridse
Wasserstoff ist ein wichtiger Baustein für die Energiewende und insbesondere für Bereiche, in denen batterieelektrische Antriebe an Grenzen stoßen. Welche Technologien bereits heute verfügbar sind, wo noch Forschungsbedarf besteht und wie sich eine Wasserstoffwirtschaft praktisch umsetzen lässt, diskutierten Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Industrie im Oktober beim 4. Dresdner Wasserstoff-Symposium. 75 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus sechs Ländern waren der Einladung nach Dresden gefolgt.
In den rund 20 Fachvorträgen ging es unter anderem um die Produktion von grünem Wasserstoff, Wasserstoffspeicher und Antriebstechnologien, den Einsatz im Schwerlastverkehr sowie um Infrastruktur und Elektrolyse. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Frage, wie Künstliche Intelligenz Forschung und Entwicklung beschleunigen kann.
Wir haben den Leiter der Tagung Professor Gennadi Zikoridse gefragt, wie er den aktuellen Entwicklungsstand einschätzt und was er sich für die Zukunft wünscht.
Welche persönliche Erkenntnis nehmen Sie aus dem 4. Dresdner Wasserstoff-Symposium mit?
Für mich hat das Symposium gezeigt, wie wichtig es ist, wissenschaftliche Erkenntnisse in wirtschaftliche und nachhaltige Lösungen zu überführen.
Besonders interessiert mich dabei die Verbindung von Fahrzeugtechnik, Antriebssystemen und innovativen Energieträgern. Wasserstoff kann die Mobilität effizienter und umweltverträglicher machen, wenn wir ihn dort einsetzen, wo er technisch sinnvoll ist und seine spezifischen Vorteile zum Tragen kommen.
Was funktioniert bei Wasserstofftechnologien heute bereits gut, und wo liegen die größten Herausforderungen?
Elektrolyseure, Brennstoffzellen und Wasserstoffspeicher sind bereits technisch verfügbar und teilweise industriell im Einsatz. Die Herausforderung besteht darin, sie effizienter, langlebiger sowie kostengünstiger zu machen und ihre industrielle Skalierung voranzutreiben.
Dafür brauchen wir mehr erneuerbaren Strom, eine leistungsfähige Infrastruktur und Wasserstoff zu wettbewerbsfähigen Preisen. Im Schwerlastverkehr und in bestimmten industriellen Anwendungen kann Wasserstoff eine wichtige Rolle spielen. Bei Pkw ist der batterieelektrische Antrieb aufgrund seiner höheren energetischen Effizienz in vielen Fällen im Vorteil.
Entscheidend sind deshalb wissenschaftlich fundierte Lösungen, die sich am jeweiligen Anwendungsfall orientieren.
Welche Voraussetzungen muss Deutschland schaffen, um seine Stärken in der Wasserstofftechnologie zu nutzen und eine wettbewerbsfähige Wasserstoffwirtschaft aufzubauen?
Deutschland verfügt über eine leistungsfähige Forschungslandschaft und große Kompetenzen im Maschinen- und Anlagenbau, in der Werkstofftechnik und in der Fahrzeugindustrie.
Diese Stärken müssen wir stärker in marktfähige Technologien und industrielle Wertschöpfung überführen. Dafür braucht es verlässliche politische Rahmenbedingungen, Investitionssicherheit und bezahlbaren erneuerbaren Strom.
Zugleich müssen wir die Elektrolyseure effizienter machen und die Infrastruktur für Erzeugung, Speicherung, Transport und Verbrauch ausbauen. Regionale Wertschöpfungsketten können helfen, Kosten zu senken und Angebot und Nachfrage besser aufeinander abzustimmen.
Da Deutschland seinen Wasserstoffbedarf voraussichtlich nicht vollständig durch heimische Produktion decken kann, werden neben dem Ausbau der inländischen Erzeugung auch internationale Partnerschaften und verlässliche Importmöglichkeiten wichtig sein. Die Nachfrage sollte vor allem dort gestärkt werden, wo Wasserstoff besondere Vorteile bietet, etwa in Teilen der Grundstoffindustrie und im Schwerlastverkehr.
Was leistet die HTWD für die Entwicklung der Wasserstofftechnologie, und welche Forschungsansätze sind besonders interessant?
Die HTWD trägt mit ihrer anwendungsorientierten Forschung und ihrer praxisnahen Ingenieurausbildung zur Weiterentwicklung von Wasserstofftechnologien bei. Besonders wichtig ist dabei die enge Zusammenarbeit mit anderen Forschungseinrichtungen und Industriepartnern. Zwei Beispiele sind die Verbundprojekte Hy²Cycle und SmartPASTE.
In Hy²Cycle geht es um nachhaltigere und recyclinggerechte Konzepte für Elektrolyseure und Brennstoffzellen. Untersucht wird unter anderem, wie sich Materialien und Komponenten ressourcenschonender herstellen und am Ende ihrer Nutzungsdauer besser wiederverwenden lassen.
Im Projekt SmartPASTE arbeitet die HTWD mit dem Fraunhofer IFAM Dresden und der TU Dresden daran, die POWERPASTE-Technologie für größere Leistungsbereiche weiterzuentwickeln. Im Fokus stehen das Reaktordesign sowie das Wasser- und Wärmemanagement. Die Technologie könnte für Anwendungen interessant sein, bei denen Wasserstoff kompakt gespeichert und bedarfsgerecht bereitgestellt werden muss.
Neben der Materialauswahl und der Fertigung bieten auch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz Potenzial, Entwicklungsprozesse durch Simulationen und intelligente Datenauswertung zu beschleunigen. Ziel ist es, Wasserstofftechnologien von der Herstellung bis zur Wiederverwendung möglichst effizient und ressourcenschonend zu gestalten.
Die Fragen stellte Constanze Elgleb, Pressesprecherin HTWD.
Kontakt
Prof. Dr.-Ing. Gennadi Zikoridse
Bereichsleiter des Bereiches Fahrzeugtechnik
- U 340
- +49 351 462 2163


