Akzeptanzgeschichte

Fakultät Landbau/Umwelt/Chemie

Akzeptanzgeschichte

Die Thermodynamik, die in den angewandten Wissenschaften zur Beschreibung komplexer Systeme genutzt wird, ist in der modernen theoretischen Physik aus historischen Gründen unterbewertet. Eine der Hauptursachen ist, dass Ludwig Boltzmann am Ende des 19. Jahrhunderts im Rahmen der kinetischen Gastheorie darin scheiterte, den 2. Hauptsatz der Thermodynamik objektiv zu begründen. Die Thermodynamik wurde daraufhin als nicht fundamental und ihr Gebäude als methodisch abgeschlossen interpretiert.

Seit der Akzeptanz der Relativitätstheorien von 1905 und 1915 und der Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik von 1927 ist die Geschichte der Physik geprägt durch eine Unterbewertung von ontologischen Konzepten bei gleichzeitiger Überwertung der Mathematik. Heute liegt der Fokus der theoretischen Physik auf der Bestätigung und Weiterentwicklung von Theorien wie z.B. der Quantengravitation und Supersymmetrie. Komplexe mathematische Lösungen werden gesucht und Experimente verfeinert. Dabei werden die begrifflichen Grundlagen der speziellen und allgemeinen Relativitätstheorie wie z.B. E = mc2, Zeitdilatation oder Raumzeit und die nicht-kausale Wahrscheinlichkeitsdeutung der Kopenhagener Quantenmechanik verteidigt. Eleganz, Erhaltungssätze und Symmetrie dominieren, während die Vagheit physikalischer Begriffe und logische Widersprüche toleriert werden, gleichwohl experimentelle Fakten die Gültigkeit der Standardmodelle immer weiter einschränken.

Kritiken an der Speziellen und der Allgemeinen Relativitätstheorie Albert Einsteins werden seit mehr als 70 Jahren abgewertet und heute meist ignoriert [1–8]. Gewöhnlich bedient man sich hier zweier Argumente:  1. Die Kritiker haben die Relativitätstheorien nicht verstanden.  2. Die Relativitätstheorien sind experimentell bewiesen.

Damit macht es sich die moderne theoretische Physik, die ihre Grundlagen verteidigt, aus folgenden Gründen zu einfach:  1. Die logischen Argumente von Kritikern, wie z.B. Herbert Dingle, Louis Essen oder Nicolai Hartmann [1–3], gegen die Begriffe der Relativitätstheorien wurden nie widerlegt [4].  2. Experimente lassen sich verschieden interpretieren. In den Messanordnungen und der Dateninterpretation können sich Pragmatismus und voreingenommene Meinungen widerspiegeln, vor allem, wenn es scheinbar keine Alternative gibt.

  1. H. Dingle: Science at the Crossroads, Martin Brian & O’Keeffe, London, 1972.
  2. L. Essen: Relativity – joke or swindel?, Electronics & Wireless World 94 (1988) 126–127.
  3. N. Hartmann: Philosophie der Natur, Walther de Gruyter, Berlin, 1950.
  4. M. Sachs: On Dingle’s Controversy about the Clock Paradox and the Evolution of Ideas in Science, Int. J. Theor. Phys. 10 (1974) 321–331.
  5. G. Kalies: Die Energiebegriffe Wilhelm Ostwalds und der modernen Physik, Mitt. Wilhelm-Ostwald-Ges. 25 (2020) 22–29.
  6. G. Kalies: Wie und ob sich Zeit physikalisch verstehen lässt. Streifzug quer durch die Physik, Konsens (2020) 57–58.
  7. G. Kalies: Raumzeit, Roman/Essay, Mitteldeutscher Verlag, Halle, 2019.
  8. G. Kalies: Vom Energieinhalt ruhender Körper, De Gruyter, Berlin, 2019.